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Entstehung, Verbreitung und Entwicklung: Vom Gebrauchsquilt zum Artquilt

Gesteppte Stoffe und mehrere Stofflagen

Gesteppte Stoffe gibt es schon seit langer Zeit. Vermutlich haben die Menschen bereits kurz nachdem sie das Weben erfunden haben ,auch begonnen mehrere Stofflagen mittels Pflanzenfasern oder tierischer Sehnen miteinander zu verbinden. Dies verhinderte das Verrutschen der einzelnen Lagen, und wenn dann noch Moos oder Wolle zwischen die Schichten gelegt wurde, dann wurde das Ganze komfortabel, warm und weich. Das war zu allen Zeiten bei allen Völkern unabhängig voneinander sehr beliebt,wo es das Klima erforderte.

Gesteppte Decken aus dem Orient ?

Man nimmt an, dass die Herkunft gesteppter Decken im Orient zu suchen ist und dass Kreuzritter sie über den Nahen Osten nach Europa brachten .Mehrlagige, gesteppte Stoffe, zum Teil in Verbindung mit Leder , wurden unter Rüstungen und Kettenhemden getragen, um sich zu schützen. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich dann aus der schlichten Alltagsfunktion heraus die Liebe zum Dekor. Es versteht sich von selbst, dass dies der Fall gewesen sein muss,als ein Teil der Menschheit freie Kapazitäten an Zeit und Material hatte. Dies war meist an Adelshöfen und in Klöstern der Fall.

Trapunto und Boutis aus der Provence

In Italien ist seit dem 14. Jahrhundert das Trapunto bekannt. Eine Technik, bei der 2 Reihen von Stepplinien In Mustern eng nebeneinander liegen, durch die von hinten eine Schnur gezogen wird, so dass die Muster besonders plastisch hervortreten.
In der Provence entwickelte sich etwa zeitgleich das Boutis. Dabei werden aufwendig gestaltete Motive, meist kreisförmig vom Zentrum aus führend, von der Rückseite aufgeschnitten , dick ge-
polstert und dann wieder zugenäht.

Quilt kommt von Culcita

Wann genau die ersten echten Quilts herstellt wurden, ist nicht bekannt,doch die hohe Steppkunst,die bereits zu dieser Zeit existierte, belegt, dass die Menschen schon lange vor dem Mittelalter damit begonnen haben müssen .Dafür spricht auch , das sich das Wort „ Quilt“ selbst von dem lateinischen Wort culcita herleiten soll, was Matratze oder Kissen heißt.

Quilttechnik in Gehröcken, Schlafmänteln, Korsetts und Capes

Durch den regen Handel mit Asien gelangten nun auch teure Seidenstoffe ins Empire. Im 18. Jahrhundert hat sich das Steppen(Quilten)in der Herren- und Damenmode (z.B. bei Gehröcken, Schlafmänteln, Korsetts und Capes) durchgesetzt.

Wholecloth-Quilt

Wenn von einem „Quilt“ gesprochen wird, ist jedoch im allgemeinen eine 3-lagige Decke gemeint,bei der die Schauseite häufig aus Patchwork besteht, d.h. kleine, bunte Stoffteilchen werden in Blöcken zu Mustern zusammengesetzt. Von diesen traditionellen Musterblöcken gibt es Zahllose, die alle spezifische Namen tragen. Ist die Top-Seite aus einem einzigen Stück, so spricht man von einem Wholecloth-Quilt. In diesem Fall spielen die bildhaften Linien , die beim Quilten (Steppen) entstehen, die wichtigste Rolle.

Viktorianisches Crazy-Patchwork mit Zierstichen
„Englische Papiermethode"

Im viktorianischen England verwandelten die Frauen Reste kostbarer Brokatstoffe ,ohne sie jedoch in Form zu schneiden ,mittels dekorativer Stickstiche (z.B. Buttonholes),in die heute als „Crazy-Patchwork“ bekannten Arbeiten. Sehr beliebt war dort auch die Methode Hexagons über Papierschablonen zu nähen und diese mit Matratzenstich zu verbinden .Diese Vorgehensweise nennt man daher „Englische Papiermethode". Dies funktioniert auch bei Pentagons und anderen Formen, für die Y-Nähte nötig sind. Iren und Schotten brachten diese Techniken zusammen mit ihren Quilts und ihren Erinnerungen in die neue Welt.

Quilting-Bees bei Mennoniten und Amishen

Religiöse Gruppierungen wie die Mennoniten und die Amischen nahmen ihre eigenen Muster und Techniken aus der Schweiz und aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts deutschen Elsass mit nach Amerika,wo sie sich verbreiteten, veränderten und weiterentwickelten . Da die Ressourcen und das Geld knapp waren in der neuen Heimat, wurden zur Reparatur und auch für neue Quilts die letzten kleinen Stückchen verwendet. Stoffe wurden unter den Siedlerfrauen getauscht. So entstanden immer diffizilere Muster, was ein Stück Lebensfreude in den tristen Alltag brachte. Quilting-Bees wurden veranstaltet,wo sich die Frauen trafen , um gemeinsam Quilts für anstehende Hochzeiten, Taufen etc. zu nähen. Je nach Anlass gab es inzwischen spezielle Muster(z.B. Double Wedding Ring).
Bei den Amischen in Lancaster County und Ohio wurde indessen streng darauf geachtet, dass keine Eitelkeiten aufkamen . Noch heute unterliegen die Muster dort starken Reglementierungen und weil nach deren Meinung nur Gott perfekt sein kann, werden absichtlich kleine Fehler eingebaut.

Afrikanische Applikaionsquilts als Geheimsprache

Auch die afrikanischen Sklaven trugen ihre Techniken und Ideen zur amerikanischen Quiltkultur bei. Sie schufen farbenprächtige Applikationsquilts, in denen sie ihre Vergangenheit und ihre Geschichten festhielten, da sie ja nicht lesen und schreiben konnten. Es gibt keine Beweise dafür, dass bestimmte Quiltmuster zur Zeit der Sklaverei als eine Art Geheimsprache verwendet wurden. Jedoch existieren noch Legenden, die z.B .besagen, dass Quilts auf der Wäscheleine Entflohene vor ihren Häschern warnten.

Molakana: Reversapplikation der Kuna Indianerinnen

So brachten Einwanderer aller Herren Länder ihr eigenes Stück Heimat in Form von Patchworkmustern und Quiltmethoden mit in die Neue Welt. In allen anderen Erdteilen kamen durch die zunehmende Mobilisierung der Menschen Techniken zur Herstellung von Quilts an und wurden mit vorhandenen Ideen verknüpft. So ergaben sich ständig neue künstlerische Gebrauchsgegenstände oder Kleidungsstücke wie die Molakana der Kuna Indianerinnen in Panama. Das sind Blusen, auf deren Vorder- und Rückseite vielschichtige, bunte Motive aus der mystischen Welt der Inselbewohner eingearbeitet sind. Diese werden in einer Art Reversapplikation hergestellt.
Mit der Verbreitung der Baumwolle kamen die Quilts schließlich auch nach Hawaii. Frauen dort brachten ihre eigenen Vorstellungen von Ästhetik und neu hinzugewonnene Nähtechniken zusammen, und heraus kamen farbenfrohe Quilts, die wegen des warmen Klimas nicht benutzt sondern nur an Feiertagen zur Schau gestellt werden.

Atarashiis: Quilts aus Japan

In Japan haben sich ,wohl wegen der Abgeschiedenheit ,andere Vorgehensweisen bei der Verarbeitung herausgebildet. Es werden nicht 3 Teile in der benötigten Größe durch Fäden verbunden. Vielmehr werden kleine 3-lagige fertig gequiltete Blöcke zu einem großen Ganzen zusammengefügt. Das ist sehr praktisch,weil kleine Quilts nach Belieben vergrößert werden können. Sie wachsen mit den Kindern mit. Die westlichen Einflüsse waren aber auch in Japan so groß, dass junge Quiltkünstlerinnen zunehmend auch in amerikanischen Blocks denken oder in ganz freien Techniken arbeiten wie ihre Kolleginnen auf der ganzen Welt,ebenso wie die japanischen „Atarashiis“ in Europa übernommen und künstlerisch weiterentwickelt wurden.

Koraks: Kaukasische Decken, auch als Wandbehang

In Kaukasien wurden warme Decken in einer Art Foundation-Piecing gearbeitet, bei der Stoffstreifen auf einen Untergrund genäht werden. Sobald der Unterstoff übernäht ist, fehlt nur noch die Umsäumung und fertig. Patchen und Quilten geschehen in einem Arbeitsgang. Koraks nennt man diese Quilts in Usbekien und Turkmenien, die immer von Hand genäht werden.
QUILT AS YOU GO ! So nennen die Amerikaner eine ganz ähnliche Methode, wobei die Stoffstreifen schon vorher aneinander genäht sind und über Papierrollen gewickelt für die entsprechende Geschwindigkeit beim Nähen gesorgt wird.

Der internationale Quilt-Virus

Es gibt wahrscheinlich keinen Winkel dieser Erde, der nicht vom Quilt-Virus infiziert wäre, nur unterschiedliche Variationen..
Neue technische Hilfsmittel und Materialien haben seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts einen einfachen Gebrauchsgegenstand zur Kunst erhoben. Die Stilrichtungen sind so verschieden wie die Künstler selbst . Außer Textilien werden alle möglichen Materialien verwendet. So werden Kunststoff-Folien,Plastikteile,Papier, Metall, Holz, Leder, Stein, Federn, Knochen oder Verpackungsmüll 2- oder 3-dimensional zu Fresken oder Skulpturen verarbeitet. Der Kreativität und Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Stoffe werden in vielfältiger Weise bearbeitet. Sie werden gefärbt, entfärbt, marmoriert,bedruckt, gefaltet, geschnitten , beklebt, bestempelt , bemalt und geschmolzen und das alles mit differenzierten Techniken.

Artist Mailing Cards = AMC und Artist Trading Cards = ATC

Es werden inzwischen Künstlerkarten in Postkartenformat oder in Spielkartengröße (Artist Mailing Cards = AMC , Artist Trading Cards = ATC) in sog. Blogs im Internet verkauft und getauscht. Wer es noch kleiner mag, hält sich an Inchies, die ihren Namen von ihrer Größe haben. Da sie wirklich nur ein Inch groß sind, werden sie meist in Neuner-Blöcken auf AMC's genäht oder geklebt. Der Zusammenhang besteht entweder durch Farbe, Form oder Thema.

Kreativität in Materialvielfalt und Technik: Mixed Media

Mit durchsichtigen Stoffen, können Federn, Garne etc. zwischen Seiden- und Zeitungspapier mit Klebevlies oder Buchbinderleim eingefügt werden. Man kann dieses Fabric-Paper schneiden oder nähen. Es kann so weiterverarbeitet werden, wie man Lust hat, entweder zusammen mit Stoff, Papier oder anderen Materialien .
Siebdruck, Linoldruck, Holzdruck Fototransfer, Acrylmalerei, Pop Art, Dadaismus und sogar Environments sind in der Textilkunst vertreten.“ Mixed Media“ ist das Zauberwort der Gegenwart.

Quiltkunst etabliert sich in der Kunstszene als eigene Stilrichtung

Große Namen wie Monet, Klimt, Picasso, Braque, Feininger, Baumeister, Vasarely, El Lissitzky, Mondrian, Klee, Ernst, Schwitters, Pollock auch Tinguely scheinen Pate gestanden zu haben bei den Werken bekannter Textilkünstler. So erinnern z.B. Arbeiten von Brigitte Perzl-Reinhard(D), Cecile Trentini(CH) oder Nicole Simon-Lavoine ein bisschen an Andy Warhol. Die Acrylgemälde Anton Stankowskis weisen geradezu verblüffende Übereinstimmungen mit den textilen Bildern Schnuppe von Gwinners (D)auf .Emily Richardson (USA) zaubert fantastische Werke aus Baumwolle und Leinen, die man direkt Georges Braque zuschreiben könnte, während man Noriko Endo (JN) eher mit Van Gogh in Verbindung bringen würde. Die Zahl derer, die wirklich Großartiges leisten in der Textilkunst ist nicht zu vernachlässigen und sollte deshalb auf gar keinen Fall in die Handarbeitsecke abgeschoben werden, da deren Arbeiten inzwischen nicht nur von privaten Sammlern sehr geschätzt werden. Sie sind ebenso in den großen Museen dieser Welt vertreten , denn sie sind nicht geringer zu werten als diejenigen von Künstlern, die mit Öl- oder Acrylfarbe auf Leinwand malen.
Die Abgrenzung zu anderen Bereichen verschwindet zusehends.
Die Textilkunst ist daher als eigene Stilrichtung innerhalb der Bildenden Kunst zu betrachten.

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